Mit Rollstuhl und Beatmungsgerät auf dem Weg zum Papst

Viele versuchen auf Abenteuerreisen wie Free-Climbing, Helicopter-Skiing, Wildwasser-Rafting ihrem Leben Spannung zu verleihen. Doch auch wer im Elektrorollstuhl und mit Beatmungsgerät eine Studienreise in den Vatikan nach Rom macht, wie Franz-Joseph Huainigg, hat etwas zu erzählen.

Die Kellnerin im Flughafen-Café ist ungewöhnliche Kunden mit extravaganten Wünschen gewöhnt. Doch statt Kaffee und Kuchen Strom zu bestellen, bringt sie kurz aus der Fassung. Eine Steckdose ist schnell hinter der Bar gefunden. Judit kramt aus dem Trolli ein Verlängerungskabel und steckt meine Beatmungsmaschine ans Netz. Jetzt bin ich wieder „On Air“ denke ich schmunzelnd. Michael und seine Frau, die uns begleiten, trinken als Vorgeschmack auf Italien einen Cappuccino, meine Frau Judit bestellt einen Tee. Trinken darf ich nichts. Schluckbeschwerden, lautete die Diagnose im Krankenhaus letztes Jahr im Herbst. Nach drei Wochen künstlichen Tiefschlaf, wachte ich mit einer Beatmungsmaschine wieder auf. Seither hängt mein Leben an dieser Maschine, die regelmäßig Luft in meine Lunge pumpt. Gewöhnungsbedürftig. Inzwischen ist das Gerät ein Teil von mir geworden, ich denke gar nicht mehr daran. Warum ich nach Rom reise, weiß ich im Moment nicht mehr. Selbstzweifel tauchen auf. Vielleicht ist es die Herausforderung auszuprobieren, was noch möglich ist. Auch mit Elektrorollstuhl und Beatmungsmaschine. Tatsächlich war die Fluglinie AUA etwas überrascht, dass jemand mit Beatmungsgerät einen Linienflug bucht. Sofort organisierte man einen Krankentransport in Begleitung eines Arztes der Air-Ambulanz zum Selbstkostenpreis von Euro 5.600. „Ich bin nicht krank, ich bin behindert“, schrieb ich der Special Case Unit der AUA, „wie andere einen Herzschrittmacher benötigen, bin ich eben auf mein Beatmungsgerät angewiesen. Außerdem begleiten mich meine Frau und Michael, der Stationspfleger der Pulmologischen Abteilung im Otto-Wagner-Spital. Zwei bestens ausgebildete Spezialisten, denen ich mehr vertraue, als einem fremden Arzt“. Die AUA lenkt ein und verzichtete, „ mit sonnigen Grüßen aus Innsbruck“, auf den Arzt. Während ich meinen Reisebegleitern beim Trinken zusehe, bekomme ich Hunger. Ich entschließe mich, das mitgebrachte Gläschen „Früchtedessert ab dem 4. Monat„ gleich zu löffeln. „Dann hast du nichts mehr für den Flug“, warnt mich Judit während sie mir löffelweise den Früchtebrei gibt. Mir ist klar, dass das Essen im Flugzeug nicht püriert serviert wird. Doch auf diese Art der Mahlzeit-Zubereitung bin ich angewiesen. Ich genieße löffelweise den Moment und verschiebe die Sorgen in die Zukunft.

Es ist Zeit zum Boarding. Wir suchen das Gate. Ich erwarte jeden Moment unsere Verhaftung. Michael sieht mit der umgehängten Beatmungsmaschine LTV1000 und den beiden Reservebatterien wie ein Selbstmordattentäter aus. Das schwere Gepäck ist notwendig, da meine Beatmungsmaschine nicht flugtauglich ist. Die LTV1000 hingegen schon. Ein Fallschirmspringer nahm auf seinem Flug die LTV1000 mit und der Maschine gelang es, den Druckausgleich während des Falles zu bewältigen. „Wenn wir abstürzen bist du der einzige, der Luft bekommt“, scherzt Michael, der meinen skeptischen Blick auf das Beatmungsgerät  bemerkt. Zwei Nächte lang hatte Michael in 5 verschiedenen Flugzeugen der AUA verbracht, um mögliche Wechselwirkungen der LTV1000 mit den Flugzeuggeräten zu testen. Es sollte also nichts mehr schief gehen.

Die Verfrachtung ins Flugzeug ist aufwändig und aufregend. Ich werde von zwei Sanitätern auf einen tragbaren Rollstuhl gesetzt. Michael hält mit einer Hand meinen Kopf und mit der anderen die Atemkanüle. Er ist sichtlich darum besorgt, dass die Kanüle nicht plötzlich herausrutscht. Unser Sitzplatz ist praktischerweise in der Reihe 34, also ganz hinten, der Einstieg erfolgt ganz vorne. So kämpfen wir uns von Reihe zu Reihe durch das Flugzeug. Da der Rollstuhl keine Armstützen hat, kippe ich immer nach links zur Seite und drohe herauszufallen. Judit folgt Michael, den beiden Trägern und mir mit meiner laufenden Beatmungsmaschine. Ich werde von Sanitätern in meinen Sitzplatz gehievt. Alles ist ziemlich eng. Dann wird die LTV1000 gestartet und ich an diese Maschine angehängt. Unsicherheit macht sich bei mir breit. Aber ich bekomme Luft. Blöderweise kann ich nicht mehr reden, warum ist unklar. Vielleicht vor Aufregung, vielleicht zu viel Schleim im Hals. Judit schaltet mein Beatmungsgerät, die Elysée ab. Sie will nicht und pfeift fürchterlich. Ich kann es verstehen.

Am Flughafen Rom: Judit sieht aus dem Fenster und jubelt, als sie auf einem Gepäckwagen  meinen Rollstuhl vorbeifahren sieht. Allerdings ist er in der falschen Richtung unterwegs. Man will mich in einen Schieberollstuhl setzen. Wir bestehen auf meinen Rollstuhl. Die italienischen Helfer sagen, dass dies nicht möglich sei. Der Rollstuhl ist zu schwer zu tragen. Wir versuchen ihnen zu erklären, wie man den Rollstuhl wieder in Betrieb setzen kann, aber obwohl ich in der Schule Italienisch gelernt habe, fällt mir im Moment der Begriff „Hauptsicherungsschalter“ nicht ein. So bleibt den armen Sanitätern nichts anderes übrig, als den Rollstuhl zu tragen. Schließlich sitze ich doch in meinem Gefährt und werde von meiner vertrauten Elysée beatmet. Plötzlich kann ich auch wieder reden. Was für ein Glücksgefühl!

Die Ambulanz wartet schon. Fahrtendienste gibt es in Rom nicht. Also haben wir von Wien aus mühsam eine Ambulanz mit Einstiegslift organisiert. Im Hotel lernen wir das „dolce far niente“  (das süße Nichtstun) kennen. Ich passe mit dem Rollstuhl nicht in den Lift. Zwar hat das Hotel von unserem Reisebüro die genauen Maße des Rollstuhls bekommen, doch nachgemessen hat niemand. „Geht schon irgendwie“, hatte man sich gedacht. Doch diesmal geht es nicht. Wir müssen das Hotel wechseln.

Der zweite Tag. In der Früh sieht Judit aus dem Hotelfenster und stöhnt: "Ich sehe nur hohe Gehsteige mit ein bis drei Stufen und viele, viele, viele Pflastersteine!" Da konnte ich mich schon darauf einstellen heftig durchgebeutelt zu werden. Sicherheitshalber esse ich zum Frühstück nur ein Joghurt. Auf der Tagesordnung stehen die vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle. Der Weg dorthin ist im wahrsten Sinne des Wortes mit Steinen gepflastert, die Gehsteigkanten sind Gott sei Dank mit Rampen versehen. Das vatikanische Museum ist ohne Stufen zugänglich, zur Kapelle gibt es einen sehr engen Treppenlift. Es ist den Fahrkünsten Judits zu verdanken, dass ich nicht noch heute in diesem Treppenlift stecke. Menschenmassen in der Sixtinischen Kapelle. Tief unten im Rollstuhl, eingezwängt von zahllosen Touristen fühle ich mich unwohl. Aber die Kapelle ist ein Erlebnis!
Als wir das Museum verlassen, piepst das erste Mal die Beatmungsmaschine: Akku fast leer! „Naja“, denke ich, „die Batterie hält sicherlich noch eine Stunde“. Wir fahren Richtung Hotel durch den Vatikan-Staat. Die Maschine piepst und piepst. Wir queren einen Platz, plötzlich bekomme ich keine Luft mehr, der Akku ist endgültig leer, die Maschine hat ihren Geist aufgegeben. Ich schnalze verzweifelt mit der Zunge. Judit sieht was los ist. Sie reißt den Schlauch herunter und beatmet mich mechanisch mit dem Ambubeutel. Die Ambulanz kommt eine halbe Stunde später. Während der Fahrt ins Hotel muss ich weiter bebeutelt werden. Endlich wieder im Hotel, endlich  eine Steckdose. Die Maschine beginnt mich wieder zu beatmen. Ein schönes Gefühl, wieder Luft zu bekommen.

Aufregung in einer italienische Trattoria: Tische werden gerückt, damit der Elektrorollstuhl Platz hat, die Außenbeleuchtung wird abgesteckt und mein Beatmungsgerät angesteckt. Ich bestelle Lasagne „frulata“, „passata“. Der Kellner runzelt die Stirn, verschwindet kurz in der Küche, um uns dann händeringend zu erklären, dass man eine Lasagne nicht passieren kann. Judit geht selbst in die Küche und püriert mit dem Mixstab die Lasagne. Der Koch sieht ihr verzweifelt zu, es bricht ihm das italiensche Herz. Er greift sich auf den Kopf: Die Österreicher!

„Eher kommt ein Behinderter in den Himmel als in die Kirche!“, lautet ein Spruch der Behindertenbewegung. Barrierefreiheit ist heute für die Kirche kein Fremdwort mehr, wie eine briefliche Umfrage in den österreichischen Diözesen zeigt. Sukzessive werden Kirchen mit Rampen versehen, wie zuletzt der Klagenfurter Dom und die Stadtpfarrkirche in Eisenstadt. Auch vereinzelte blinde Religionslehrer kommen in Wien zum Einsatz. Dem Klagenfurter Diakon Dietmar Böte reichte es nicht, dass ab und zu Messen in Gebärdensprache gedolmetscht werden. Er entwickelte mit gehörlosen Menschen ein eigenes Vaterunser und lässt auch deren Kultur in Taufen, Trauungen und in der Osterliturgie einfließen. Auch im Vatikan ist der Petersdom, die Sixtinische Kapelle, die Museen und die Grotte stufenlos erreichbar. Dass diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, zeigt ein Erlebnis abseits der Touristenpfade. Zum Amtsgebäude des Sottosegretario, Mons. Pietro Parolin führen drei Stufen. Ich will schon umkehren, auf den Gesprächstermin verzichten, doch die Mitarbeiter des Außenministers meinen beflissentlich „no ploblema!“. Und schon rücken sechs bullige Männer der Vatikan-Feuerwehr an, um mich samt Rollstuhl schwitzend die Stufen raufzutragen. „250 Kilo“, erkläre ich, was von keinem der Träger bezweifelt wird. Doch die drei Stufen sind nur ein Vorgeschmack auf die weiteren 30 Stufen im Gebäude. Ächzend, zähneknirschend und auf italienisch leise fluchend werde ich von den Männer der Vatikan-Feuerwehr in den Sitzungssaal geschleppt. Die Mühen und meine ausgestandenen Ängste werden mit einem interessanten Gespräch belohnt. Nicht zuletzt geht es um die Euthanasiedebatte, bei der die Kirche an der Seite behinderter Menschen für den Erhalt des Lebens kämpft. Erinnerungen an Pier Giorgio Welby werden wach. Auf seinen Wunsch hin, wurde die Beatmungsmaschine letzte Weihnachten abgeschalten. Gerne hätte ich mit dem Italiener Erfahrungen ausgetauscht. Doch ich kam zu spät. 

Der Höhepunkt steht am letzten Tag auf dem Programm: Eine Generalaudienz des Papstes. Der Petersplatz ist randvoll mit Menschen aus der ganzen Welt gefüllt. Jubel und „Benedetto! Benedetto!“ – Rufe begleiten den Papst, der im Papamobil zur Bühne fährt. Ich sitze brav in der „Behindertenloge“ und habe sogar Strom für die Beatmungsmaschine. Judit wollte einfach ein anderes Kabel – wahrscheinlich die Tonanlage des Papstes – abstecken, um mir Strom zu verschaffen. Doch ein Zeremonienmeister mit Frack und weißem Hemd hielt sie zurück und organisierte ein längeres Kabel. Die Begrüßung, die Ansprache des Papstes in allen Sprachen, braucht ihre Zeit, doch alle harren in der gleißenden Mittagssonne aus. Dann kommt der Zeremonienmeister und weist allen behinderten ZuseherInnen einen anderen Platz zu. Aufgefädelt wie eine Mitleidskette stehen wir in Reih und Glied entlang einer Mauer, die  wenigstens kühlenden Schatten spendet. Links neben mir steht eine Mutter mit ihrem behinderten Baby. Der Zeremonienmeister nimmt es probehalber aus dem Kinderwagen. Rechts neben mir sitzt ein dicker Amerikaner im Rollstuhl. Er steht immer wieder auf und vertritt sich kurz die Beine. Eine Heilung? Oder der Rollstuhl als Möglichkeit dem Papst so nah wie möglich zu kommen? Endlich rollt der Papst vorbei und das Papamobil hält direkt vor der Mutter mit dem behinderten Kind. Der Zeremonienmeister nimmt das Baby und reicht es dem Papst. Der küsst es auf die Stirn. „Glaube kann Berge versetzten“, fällt mir ein. Ich würde es dem Baby und seiner Mutter wünschen.

Nachsatz: Aus den geplanten vier Tagen in Rom wurden fünf Tage. Wie beschrieben, wurden von Michael fünf AUA-Maschinen getestet. Zum Einsatz kam ein nicht getestetes sechstes Flugzeug. Bleibt die Erkenntnis: Eher kommt ein Rollstuhlfahrer mit Beatmungsgerät in den Petersdom als mit dem Flugzeug in den Himmel.

 

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